Ein heißes Rennen in Göteborg

 

…im wahrsten Sinne des Wortes. Was war das für ein ungewöhnliches Wochenende?

Wir reden hier von Göteborg, Schweden, Skandinavien, Nordeuropa. 500 km nördlicher als Lübeck. Zeitpunkt: Mitte Mai. Die Durchschnittstemperatur liegt zu dieser Zeit bei 7-16°C. Diese durchschnittliche Höchsttemperatur von 16°C hatten wir von Donnerstagabend bis Sonntagvormittag nicht einmal erreicht. Es war stets deutlich wärmer. Die niedrigste Temperatur, die uns an den Tagen angezeigt wurde, war 19°C! Und das nur spätabends/nachts. Es war unfassbar warm.

Am Samstag, Tag des Laufes, hatten wir 24°C. Um 10.00 Uhr morgens wohlgemerkt. Startzeit des Göteborgsvarvet: 13.00 Uhr. Zumindest für meine Startgruppe. Also mitten in der Mittagshitze. Es war weit und breit kein Wölkchen zu sehen und der Wind, der kräftig blies, war nicht wirklich erfrischend. Selbst dieser war total warm. Zunächst freute ich mich aber über dieses exzellente Wetter. Lieber das, als <10°C und womöglich noch Niederschlag. Ich laufe ja gerne, wenn es warm ist. Alle meine Bestzeiten bin ich bei Temperaturen um die 20°C gelaufen.

An eine Bestzeit war hier in Göteborg aber nicht zu denken. Ich kannte die Strecke ja schon aus den Vorjahren. Sie ist nicht gerade flach und windanfällig. Aber der Lauf ist so gut besetzt, dass ich im letzten Jahr immerhin knapp unter 70 Minuten blieb. Das war auch das Ziel für dieses Jahr. Und selbst nach dem Einlaufen war ich frohen Mutes das zu schaffen, obwohl es schon sehr warm war: 30°C.

Punkt 13 Uhr ging’s los. Die Afrikaner vorne weg, die schnellen Schweden dahinter und dann ich kurz vor den ersten Frauen. Ich war gut weggekommen. Wir liefen durch den schönen Slottsskogen-Park und hatten Km 1 erreicht. Das Anfangstempo war iO, aber irgendwie lief es schwer. Die Frauen überholten mich und ich hängte mich an die Gruppe heran. Bei Km 2 war die erste Verpflegungsstation. Die ist dort jedes Jahr und ich hatte mich immer gefragt, wer schon nach zwei Kilometern etwas trinken muss. Heute war ich sehr dankbar darüber. Und nicht nur ich. Ca. 3 von 4 Läufern vor und neben mir nahmen sich auch einen Wasserbecher. Allein das zeigte schon wie ungewöhnlich dieser Lauf war. Nach der Verpflegung ging es den ersten langgezogenen Anstieg hinauf. Man lief hier an Seehunden und Pinguinen vorbei. Nein, ich war nicht dehydriert und sah irgendwelche Tiere… im Slottsskogen befindet sich nämlich auch ein Tierpark. Gesehen hatte ich die Tiere aber nicht, ich war ja im Wettkampfmodus und wusste nur, dass die Tiere dort sind. Dann war der Anstieg geschafft und es ging leicht wellig weiter. Die Frauen musste ich ziehen lassen, die kamen offensichtlich besser mit der Hitze zurecht. Nach 4,5 Km kam die nächste Verpflegungsstation. Und wieder bediente ich mich. Zudem war hier eine Sprühdusche zum Durchlaufen aufgestellt, die ausnahmslos alle nutzten um sich ein wenig abzukühlen. Der Wind, der immer noch kräftig blies, schaffte das nicht, denn der war zu warm. Km 5 erreichte ich planmäßig nach 16:43 Min. Jetzt ging es die erste Hochbrücke hinauf und somit zum höchsten Punkt der Strecke. Ich wusste nicht, was mir mehr Schwierigkeiten bereitete. Der stürmische Seiten- bzw. Gegenwind, die Hitze oder der Anstieg. Die Kombi war auf jeden Fall heftig. Ich nahm jetzt bewusst Tempo heraus, das hätte sonst nur nach hinten losgehen können. Meine zwei Mitläufer taten das nicht und liefen sich einen kleinen Vorsprung heraus. Dann war der Scheitelpunkt erreicht und ich ließ es wieder laufen. Nun ging es ganz herunter bis an den Fluss. Bei Km 6,8 die nächste Verpflegung mit Dusche. Wieder kurze Erfrischung und kurzer Blick auf die Uhr bei Km 7: 23:20. Exakt 3:20 Min/Km. Ich war voll im Soll. Und nahm trotzdem Tempo heraus. Warum? Weil es mir schon so schwer fiel und die Hitze immer unerträglicher wurde. Mir war es jetzt wichtig gesund und munter im Ziel anzukommen. Und selbst 3:45 Min/Km waren keine Selbstläufer. Mich überholte eine Dreiergruppe mit einer dunkelhäutigen Frau, die ein schwedisches Vereinstrikot trug. Ich wusste, dass das Isabellah Andersson ist, die 2010 in Dubai (wo es nicht so heiß war wie in Göteborg :D) direkt nach mir die Ziellinie überquerte. Deshalb war die Gruppe eine gute Orientierung für mich. Ich wusste, dass ich noch gut im Rennen lag, auch wenn ich Isabellah&co. erstmal davonziehen lassen musste. Doch 1 Km später war ich fast wieder dran, obwohl ich nicht an Tempo zugelegt hatte. Die Gruppe um die schwedische Weltklasseläuferin hatte eindeutig die Geschwindigkeit reduziert. Es war ein sonderbarer, heißer Tag. Doch bevor es zum Zusammenschluss kam, hatten sie wohl gemerkt, dass sie jetzt extrem langsam waren und gaben wieder Gas. Die Lücke wurde schnell wieder deutlich größer. Ich kämpfte mit mir und v.a. gegen die Hitze und nahm die nächste Sprühdusche ins Visier. Immerhin mal wieder eine kleine, sehr kurzzeitige Erfrischung. Mich überholten noch mal zwei Läufer. Jetzt, dachte ich, kommen gleich Hunderte von Läufern an mir vorbei, ich war jetzt so langsam (3:54 Min/Km). Km 10 erreichte ich nach 34:49 Min. Die letzten 5 Km in über 18 Minuten, was war hier nur los. Und die Gruppe um Isabellah war auch nur 7 Sekunden vor mir. Ich konnte sie die ganze Zeit sehen. Es lief keiner mehr richtig schnell. Und überholt wurde ich bis ins Ziel auch nicht mehr. Obwohl ich nur noch einen Schnitt von 3:42 Min/Km lief. Verrückt. Es kam sogar noch besser. Ab Km 12 merkte ich, dass ich dem vor mir Laufenden sogar wieder näher kam. Einen Kilometer später hatte ich ihn eingeholt. Ich war jetzt sehr froh über meine frühzeitige Entscheidung Tempo zu drosseln, der Kollege hatte sich offensichtlich schon verausgabt. Und es waren ja noch acht lange Kilometer bei gnadenlos knallendem Sonnenschein. Der nächste, den ich jetzt kurz vor der zweiten Hochbrücke einholte, wehrte sich noch… bis es die Brücke hochging. Ich fühlte mich zwar nicht schnell, war aber eindeutig schneller als der Mitläufer. Ich war wieder allein unterwegs. Allein mit dem Sonnenschein. Die Brücke hinauf stiefelnd. Wenn der Wind nicht so warm gewesen wäre, wäre es hier ja ganz angenehm gewesen, aber so war es elendig. Ich erreichte endlich den Scheitelpunkt. Nun ging es herunter und ich konnte es mal ein wenig laufen lassen. Km 15: 53:19. 18:30 Minuten für 5 Km. Abgesehen von der Laufgeschwindigkeit fühlte es sich aber an wie 16:30 Min. Ich merkte förmlich wie die Wärme mich zermürbte. Zum Glück kam nun – nach einer weiteren Verpflegungsstation – der stimmungsvollste Abschnitt. Die Stimmung war ja sowieso gigantisch (wie in den Vorjahren auch), aber hier, wo es eine langgezogene Gerade durch die Göteborger Innenstadt ging, war es noch einmal wahnsinnig voll und laut. Am Ende der Gerade erreichten wir den Götaplatsen mit der im Brunnen stehenden 8m hohen Poseidon-Bronzefigur.Dort wird herumgelaufen, um dann wieder die Hauptstraße zurückzulaufen. Und was an diesem Tag das wichtigste war: es gab wieder eine Verpflegung mit Schwammausgabe. Selbst den Schwamm nahm ich an. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mal bei einem Lauf einen Schwamm benutzt habe, aber hier war es bitternötig. Ich überholte dabei sogar wieder einen Läufer, der fix und alle war. Es waren noch 4 Kilometer. Ich rechnete mal kurz hoch: Endzeit 1:16/1:17h. Unfassbar. Dann ging es links herum – weg von der langen, geraden Hauptstraße. Das hieß aber nicht, dass es um mich herum ruhiger wurde. Die begeisterten Zuschauer stehen in Göteborg fast überall. Jetzt wurde die Strecke noch einmal wellig. Und vor mir sah ich eine Afrikanerin, die ich zuletzt bei Km 5 gesehen hatte. Sie war sehr langsam unterwegs. Man beachte, auch ich lief jetzt „nur“ 3:38 Min/Km. Aber sie war deutlich langsamer. Ich überholte sie kurz vor Km 19. Und vor mir sah ich noch zwei Läufer. Die wollte ich jetzt auch noch holen. Ich hatte mir das Hitzerennen gut eingeteilt und konnte jetzt noch mal zulegen. Selbst die Fußgängerbrücke über die Autobahn konnte mir nichts anhaben, ich stürmte sie hoch und kam den beiden vor mir sehr nah. Den einen überholte ich noch oben auf der Brücke. Den anderen beim Herunterlaufen. Km 20: 1:11:52. Eine 1:15h war noch drin, wenn ich Gas geben würde. Das war jetzt meine Motivation. Bevor ich den Schlussspurt einläutete, nahm ich aber noch die Wasserschlauchdusche voll und ganz mit. Jetzt lief ich den letzten Kilometer durch den Slottsskogen noch einmal in 3:25 Min und war heilfroh als ich im Stadion die Ziellinie erreichte. Ausgepumpt nach 1:15:37!

Im Ziel standen Helfer mit Sprühflaschen und sprühten den Läufern Wasser ins Gesicht. Das half aber nur wenig. Besser waren da schon die gefüllten Wassereimer am Rand, wo ich mich auch schnell hinbewegte. Erstmal viel Wasser über den Kopf. Dann war es halbwegs erträglich. 50 Meter weiter – noch vor der Medaillenausgabe – waren Erfrischungsduschen aufgestellt… mit endlich mal kühlem Wasser. Ich stellte mich eine ganze Minute darunter. Meine triefnasse Kleidung backte jetzt an mir. Wie war das schön. Und doch war die Hitze sofort wieder spürbar als ich mir meine Medaille abholte. Wahnsinn.

 

Unter den Bedingungen litten alle. Ich hörte von Afrikanern, die ins Ziel transportiert wurden, weil sie aus den Latschen gekippt waren. Ich sah in der Ergebnisliste die Zeiten der Top-Ten und deren immer schlechter werdenden Durchgangszeiten (teilweise 16:00Min und mehr für die letzten 5 Km!!! -> das kann ich an richtig guten Tagen auch) und auch die Siegzeiten bei Frauen und Männern waren weit weg von denen der Vorjahre. Es war definitiv ein besonderes Erlebnis dieser Göteborgsvarvet.

Ich nahm auch ausnahmslos an jeder der 9 (!) Verpflegungsstationen Wasser bzw. Iso zu mir und unterlief jede Art von Dusche, die kurzzeitige Kühlung mit sich brachte.

Letztendlich war ich 5:54 Minuten langsamer als 2012. Und dennoch nur vier Plätze schlechter. In diesem Jahr reichte es zu Platz 38 unter 45.156 Finishern. Und das wichtigste: mir ging es einigermaßen gut dabei, anders als einigenanderen Läufern, die vorübergehend ärztlich versorgt werden mussten.

Es war wahrlich ein heißes Rennen in Göteborg.

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