Biel: Pleiten, Pech und Pannen

Was war das für ein Wochenende! Ich hoffe, dass es das schwärzeste in 2015 für mich war. Was war passiert?

Los ging es am Freitag. Der Wecker klingelte um 05.45 Uhr. Wer mich kennt, weiß, dass das überhaupt nicht meine Uhrzeit ist. Aber der Flieger würde nicht warten und ging an diesem Freitagmorgen um 08.30 Uhr ab Hamburg. Aufgrund des frühen Fluges hätte ich in Biel noch ausreichend Zeit für 3-4 Std Mittagsschlaf haben können... damit konnte ich leben. Wir stiegen ins Auto und kamen bis kurz vor Barsbüttel. Dann ging gar nichts mehr auf der Autobahn. Morgens um kurz vor 07.00 Uhr. Der Verkehrsfunk um kurz nach sieben gab Aufklärung: Unfall, Vollsperrung. Jetzt war banges Warten angesagt. Wir würden ca. 30 Minuten von unserer Position zum Flughafen benötigen... also noch 30-40 Minuten Zeitpuffer bzw. mögliche Standzeit. Die Uhr tickte gnadenlos, zwischenzeitlich waren wir mal kurz ausgestiegen um die Beine zu vertreten, aber weiter ging es nicht. So langsam machten wir uns Gedanken über die verbleibenden Möglichkeiten, denn der 08.30-Flug war kaum mehr möglich. Drei Möglichkeiten kamen in Frage: 1. Biel canceln und wieder nach Hause fahren, 2. zum Flughafen fahren und versuchen irgendeinen anderen Flug in die Schweiz zu bekommen, 3. mit dem Auto nach Biel durchfahren.

Variante 2 schlossen wir beide sofort aus. Es war uns zu unsicher und darüber hinaus zumindest mir zu teuer. Blieb also nur noch 1. oder 3. - und auf ein Biel-Ausfall hatten wir beide keine Lust. Wir einigten uns auf die Autofahrt, wohlwissend, dass die Mittagsruhe dahin war. Um 08.20 Uhr konnten wir die A1 über die Ausfahrt Barsbüttel verlassen. Gleich konnten wir dem Flieger winken. Über die A24 kamen wir wieder auf die A1 und steuerten den nächsten Rasthof an - wir mussten tanken, das Auto war nicht für so einen Trip gerüstet. Und wir auch nicht. Wir hatten schließlich nur Handgepäck dabei - kein Essen (außer einer Packung Butterkekse), kein Trinken, kein Navi. Ja, die Autofahrt war lustig und ich glaube, wir wussten beide nicht so recht, was wir da gerade taten. Ich rechnete mal die ungefähre Ankunft aus: 19.00 Uhr. Drei Stunden vor dem Start. Wenn wir nicht noch irgendwo im Stau stecken, was auf einem Freitag ja immer möglich ist. Noch war es aber früh und wir kamen gut voran. Glücklicherweise war die Strecke bis zur Schweizer Grenze staufrei. Erst in Basel war späte Rush-Hour. Hier begann für uns die Suche nach dem richtigen Weg. Wir wussten zwar wohin, mussten aber die Richtung erst einmal finden. Der Auto-Atlas half da nicht viel weiter und den einfachen Weg über die Schweizer Autobahn konnten wir nicht fahren, wegen der Vignettenpflicht. Mit Glück fanden wir die richtige Straße und nun war es auch nicht mehr schwierig nach Biel zu finden. Es dauerte nur leider eine gefühlte Ewigkeit. Trotzdem waren wir um 18.30 Uhr endlich da. Zumindest in Startnähe. Wir holten unsere Startnummern ab, aßen noch eine Portion Pasta und machten uns auf den Weg zur Gruppenunterkunft im Zivilschutzbunker "Sahligut". Um 20.00 Uhr war ich endlich in der Nähe meines Bettes. Die weitere Lübeck-Fraktion (Michi Thiel und Micha Dose) empfing mich, beide waren bereits umgezogen. Small-Talk und dann legte ich mich noch für eine halbe Stunde hin. Schlafen konnte ich aber nicht. Aus mehreren Gründen. Die stressige Anreise, der bevorstehende Start und die Zahnschmerzen. Die Zahnschmerzen waren jetzt nicht ganz neu, der Zahn wurde wurzelbehandelt, die letzte von drei Behandlungen stand noch bevor. Doch auf der Hinfahrt und vermutlich aufgrund der Hitze (25° und mehr) nahmen die Schmerzen an diesem Zahn wieder zu. Es war unangenehm, aber so aushaltbar, dass ich trotzdem starten wollte. Also ging es um kurz nach 21.00 Uhr Richtung Start.

Um 22.00 Uhr war es dann soweit: Startschuss. Es ging eine kleine Stadtrunde durch Biel und dann hinaus in die Natur bzw. von Dorf zu Dorf. Auf den ersten Kilometern wollte ich mich erstmal einlaufen und ungefähr 5 Min/Km laufen. Das klappte auch ganz gut. Nur der Zahn/Kiefer fand das nicht gut. Ich hoffte, dass sich das noch legen würde. Nach dem 1. Anstieg folgte Km 10: 48:43 Min. Die Zeit war gut, der Zahn nicht. Nun fragte mich einer der Mitläufer, wie lange meine Anreise gedauert hätte. Er hatte anhand meines Trikots gesehen, dass ich aus Lübeck komme. Wir unterhielten uns rund einen Kilometer lang, dann zog er von dannen. Mittlerweile waren die Schmerzen unerträglich. Ich überlegte, ob ich nicht schon in Aarberg (Km 16,5) aussteigen sollte. Irgendwie machte es wenig Sinn weiterzumachen. In Aarberg angekommen, waren die Gedanken aber schon wieder andere. Zumindest bis Oberramsern (Km 38) und dann sehen wir weiter. Die Zahnschmerzen schienen jetzt auch wieder abzunehmen. Ich verpflegte mich ordentlich, dann ging es tatsächlich weiter. Km 20 erreichte ich nach 1:38:30. Vom Laufen her war es locker, die Beine fühlten sich 5 Tage nach dem Duisburg Marathon ziemlich frisch an und zeitmäßig war ich sogar etwas schneller unterwegs als geplant. Nur die Zahnschmerzen wollten nicht aufhören. Und es tat sich ein gesundheitlicher Nebenschauplatz auf. Meine Allergie - ich reagiere u.a. auf Roggenpollen allergisch - machte sich zwischen den Roggenfeldern bemerkbar. Stören tat mich das aber nicht im geringsten... der Zahn war deutlich problematischer. So langsam fing er dann auch beim Verpflegen an zu schmerzen - er pochte nicht mehr nur, sondern reagierte auch auf den Druck. Das war für mich das Zeichen es jetzt ruhiger anzugehen, es machte nun wirklich nur noch wenig Sinn das Ding durchzuziehen. Mein Bauch grummelte mittlerweile auch so vor sich hin - nicht vor Hunger, sondern, weil ich mal musste. Oberramsern, Km 38, erreichte ich dann nach 3:12h - Zeit war super. Aussteigen wollte ich jetzt doch nicht mehr. Ich überlegte zumindest bis zum Marathon zu laufen und dann bis Kirchberg (Km 56) weiterzumachen. Ein paar Minuten Überlegungszeit gönnte ich mir dann noch an dem Verpflegungspunkt und auf dem herbeigesehnten Dixi. Und dann ging es tatsächlich immer noch weiter für mich. Doch die kurze Ruhephase tat mir nicht gut. Mit dem Antraben und dem wieder steigendem Puls und Blutdruck kam der Zahn nicht mehr zu recht und jetzt fing auch die ischiocrurale Muskulatur insbesondere im Kniebereich an zu ziehen. Ich lief bis Km 40, dann war Schluss (3:35h). Ich ging erst einmal weiter - was blieb mir auch anderes übrig. Umkehren und zurück nach Oberramsern - es kam mir kurz in den Sinn, aber diese Idee verwarf ich. Ich machte erst einmal getreu dem Motto "Laufen bis es nicht mehr geht, Gehen bis es wieder läuft" weiter. Doch schon nach 3 Km Gehen war mir Lust und Laune vergangen. Immerhin tat mir beim Gehen fast nichts mehr weh, nur der Zahn, aber nicht mehr so schlimm wie beim Laufen. Kalt wurde mir auch nicht, die Nacht war richtig warm, 18/19°C. Doch 60 Km zu Fuß konnte ich mir nicht vorstellen... und wollte ich auch nicht. Höchstens bis Kirchberg, sofern vorher keine andere Möglichkeit bestand. Ich fragte den nächsten Streckenposten, ob es möglich wäre, mich nach Kirchberg oder Biel zu bringen, ob er da jemand kenne bzw. ob es ne offizielle Möglichkeit gäbe. Seine Antwort war so kurz wie auch unhöflich: "Geh erstmal weiter". Da blieb mir ja wirklich nichts anderes übrig, also ging ich weiter. Bei Km 45 schaute ich mal auf die Uhr, wie lange ich denn für 5 Km walken benötige: 54:30 Min. Ufff. Es lagen noch lange 11 Km vor mir... Als es das nächste Mal bergab ging, versuchte ich dann mal wieder ein paar Schritte zu laufen, doch die Muskulatur machte schnell wieder dicht und die Zahnschmerzen nahmen wieder zu. Ich stellte das Laufen nach 200m wieder ein und ging weiter. Um Km 50 herum (51 Min für die letzten 5 Km, 5:21h Gesamtzeit) hörte man vereinzelt "Halbzeit-Freudenschreie". Ich war etwas neidisch, weil mein Ausstieg beschlossene Sache war. Dennoch rechnete ich mir aus, was ich für eine Zielzeit hätte, wenn ich diesen Schritt weitergehe. Und ich war erstaunt: ich könnte knapp unter 14 Stunden bleiben. Vielleicht ging es ja doch weiter? Ich überlegte mir, es mal mit 2 Min laufen, 2 Min gehen zu probieren. Ich schaffte 2 Wiederholungen. Tränen schossen mir in die Augen. Nicht mal aufgrund der - beim Laufen - unerträglichen Zahnschmerzen, sondern wegen der Enttäuschung es nicht zu schaffen, aussteigen zu müssen. Ich konnte meinem Körper jetzt nicht noch mehr zumuten als ich es ohnehin schon tat. Also ging ich in Kirchberg raus. Nach 56,1 Km und 6:21h war der Spuk vorbei. Ich erkundigte mich nach dem nächsten Shuttlebus und hatte Glück, denn er fuhr sofort los. Ich musste nicht noch lange zusehen, wie die meisten Teilnehmer weitermachten. Auf der Rückfahrt übermannte mich die Müdigkeit. Ich schlief fest bis Biel und kann gar nicht sagen, wie lange die Fahrt dauerte. Das war bei meinem Schlafmangel nun auch nötig. In Biel stieß ich dann auch nochmal auf unfreundliche Helfer, die mir nicht sagen konnten, wann der nächste Shuttle zum Sahligut fährt und dass ich in meinem Shirt leicht fröstelnd da stand, haben sie zwar gesehen, aber das kümmerte sie auch wenig. Da kein Shuttle kam, beschloss ich die ca. 3 Km zu Fuß zu gehen, dann würde mir auch wieder etwas wärmer werden. Um 06.00 Uhr lag ich dann endlich im Bett.

Was waren das für letzte 24 Stunden!?

Nach dem Aufstehen gegen 10.30 Uhr ging ich duschen, frühstücken und wieder in den Zielbereich um die anderen Lübecker zu empfangen. Michi Thiel war schon längst zurück, wir hatten uns schon im Sahligut ausgetauscht, Micha Dose verpasste ich knapp, konnte ihm aber später zu seinem ersten 100 Km-Lauf gratulieren und Angela kam trotz des Anreisestresses mit ihrer drittbesten Bielzeit ins Ziel. Ich freute mich für alle drei, sie haben es alle super gemacht.

Mir ging es am Samstag zahnmäßig etwas besser, da der Tag aber wieder heiß war, war ich keinesfalls schmerzfrei. Auch am Sonntag auf der Rückfahrt nicht. Und die Rückfahrt war lang... wir waren ja mit dem Auto unterwegs.

Biel scheint nicht mein Pflaster zu sein. 2011 wollte ich den Marathon laufen, war verletzt, startete erst gar nicht und 2015... ihr habt's gelesen. Pleiten, Pech und Pannen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Pascal (Samstag, 20 Juni 2015 22:31)

    Interessanter Bericht und schon verrückt was du immer so vor hast ;) vg pascal

  • #2

    jan g. (Donnerstag, 23 Juli 2015 22:17)

    So etwas vergisst man nie. Danke, dass Du uns auf deiner Horror Reise mitgenommen hattest. Schön geschrieben! Gruß und wieder bessere Zeiten wünsche ich dir. Jan